Entstehung des Industriereviers
Vor 150 Jahren gab es das Saarland noch nicht - wirtschaftliche Einheit. Das Land an der Saar war
dreigeteilt: Der größte Teil gehörte zu Preußen, ein anderer zu Bayern und der dritte zu Oldenburg.
Es gab schon damals Kohlengruben, Eisenwerke und Glashütten an der
Saar, aber die meisten Menschen lebten noch von der Landwirtschaft. Durch die Erfindung der
Dampfmaschine nahm die Industrialisierung auch hier einen raschen Aufschwung. Eine wahre Völkerwanderung setzte ein. Nahe den Gruben entstanden Bergmannskolonien, und viele der Arbeiter verschafften sich und ihren Familien durch
Nebenerwerbswirtschaft ein kleines Zubrot.
Der Deutsch-französische Krieg hatte auch auf die Saar seine Auswirkungen: Die Schlacht auf den
Spicherer Höhen am 6. August 1870 ging in die Geschichte ein. Sie forderte auf beiden Seiten insgesamt 9.000 Verletzte und prägte für lange Zeit
das deutsch-französische Verhältnis an der Saar.
Die an die Reichsgründung 1871 anschließenden "Gründerjahre" verschafften auch der saarländischen
Industrie einen großen Aufschwung. Die Saarhütten konnten dank lothringischer Minette
und der englischen Thomasbirne ihre Produktion ebenso vervielfachen wie die Gruben. Der preußische Staat als Eigentümer der Gruben war der
größte Arbeitgeber an der Saar. Die anderen Industrien befanden sich in der Hand der großen saar-
ländischen Industriedynastien Stumm, Röchling und Villeroy & Boch. Die Arbeiterbewegung hatte
es schwer im überwiegend katholischen Saarrevier, zumal die Industriemagnaten jede Agitation der
Sozialdemokratie und der Gewerkschaften behinderten. 1889 kam es zum ersten Bergarbeiterstreik.
Die Sozialdemokratische Partei blieb aber noch bis zum Ersten Weltkrieg 1914 bis 1918 ohne politische Bedeutung.
Erster Weltkrieg, erste Saarabstimmung
Während des Krieges diente das Saarland als
Durchmarschregion und Etappe. Gleich zu Beginn des Krieges kam der zivile Eisenbahnverkehr zum
Erliegen und blieb bis 1918 stark eingeschränkt.
Ab Sommer 1915 wurde das gesamte Industrierevier Ziel von Luftangriffen. Nach dem Waffenstillstand am 11. November 1918 bildeten sich auch
an der Saar Arbeiter- und Soldatenräte, deren Tätigkeit jedoch von französischen Truppen, die die
Saar am 22. November 1918 besetzten, unterbunden wurde. Die Artikel 45 und 49 des Versailler
Vertrages, der im Januar 1920 in Kraft trat, legten die Unterstellung der Saar unter den neugegründeten Völkerbund fest. Nach 15 Jahren sollte die
Bevölkerung in einer Volksabstimmung entscheiden, zu welchem Staat das Gebiet zukünftig gehören würde. Das Eigentum an den Kohlegruben
ging an Frankreich über. 1923 streikten fast 70.000 saarländische Bergleute hundert Tage lang für
gleiche Entlohnung, wie sie die Kollegen in den lothringischen Revieren erhielten.
Nach der "Machtergreifung" Hitlers 1933 brach der Wille der Saarländerinnen und Saarländer zur
Rückkehr nach Deutschland auf. Die überzeugten Hitlergegner kämpften für den "Status quo", die
Beibehaltung des Saarstatuts aus dem Versailler Vertrag. Es kam zur Bildung der "Einheitsfront"
aus Sozialdemokraten und Kommunisten, der sich auch Katholiken wie Johannes Hoffmann anschlossen. Auf der anderen Seite standen die, die trotz oder auch wegen Hitler "heim ins Reich" wollten.
Die Abstimmung am 13. Januar 1935 wurde durch eine Abstimmungskommission des Völkerbundes und unter dem Schutz einer internationalen
Truppe durchgeführt. 90,7% der Saarländerinnen
und Saarländer entschieden sich für die Rückgliederung, Hitler erzielte seinen ersten internationalen Erfolg.
Das "Dritte Reich" an der Saar
Am 1. März 1935 übernahm das "Dritte Reich"
die Regierungsgewalt an der Saar. Die in Versailles geschaffene politische Einheit "Saargebiet"
wurde von den Nazis nicht wieder aufgelöst, sondern als "Saarland" dem pfälzischen Gauleiter Josef Bürckel unterstellt. Rund 8.000 Menschen -
Status-quo-Befürworter, Sozialdemokraten usw. - verließen das Land und organisierten teilweise vom
nahen Frankreich aus Widerstandsaktionen gegen die Nationalsozialisten. Tausende von Saarländerinnen und Saarländern gerieten in die Gewalt der
Gestapo, hunderte kamen in Konzentrationslager. In der "Reichskristallnacht" am 9. November 1938
brannten auch hier die Synagogen. 1943 errichtete die Gestapo in Saarbrücken das KZ "Neue Bremm"
für Kriegsgefangene, Lothringer und Reichsdeutsche, vor allem aber für Zwangsarbeiter aus Osteuropa.
In den ersten Tagen des Zweiten Weltkrieges 1939
mußte die Zivilbevölkerung die "Rote Zone", den Streifen zwischen französischer Grenze und
Hauptkampflinie des Westwalls, räumen. Hunderttausende Saarländerinnen und Saarländer wurden
bis zum Ende des Frankreichfeldzuges 1940 in die
Evakuierung geschickt. 1942 erlebte die Saarbrücken den ersten amerikanischen Luftangriff. Ein
weiterer folgte 1944, als die amerikanischen Truppen bereits von Lothringen her auf dem Vormarsch
waren. Nach dem Durchbruch im Hunsrück eroberten die Amerikaner innerhalb weniger Tage das
Saarland. Am 21. März 1945 schwiegen zwischen
Saarbrücken und Neunkirchen die Waffen.
Das Saarland wird autonomer Staat
Am 10. Juli 1945 lösten französische Truppen die
amerikanischen ab. Es zeigte sich bald, daß Frankreich das Industrierevier wieder stärker an sich
binden wollte. Angesichts des Widerstandes der
Alliierten gab Frankreich den Gedanken an eine
Annexion der Saar auf - zugunsten einer Wirtschaftsunion und einer begrenzten Autonomie. Am
30. August 1945 wurde Gilbert Grandval französischer Militärgouverneur in Saarbrücken. Am 22.
Dezember 1946 schloß Frankreich die Grenzen
des Saarlandes zum übrigen Deutschland.
Am 17. Dezember 1947 trat die saarländische
Verfassung in Kraft, die in der Präambel den wirtschaftlichen Anschluß an Frankreich und die
Trennung von Deutschland vorsah. Als neue Währung wurde der französische Franken eingeführt.
Am 18. Dezember nahm die erste saarländische
Regierung unter Johannes Hoffmann (CVP) die
Amtsgeschäfte auf, Grandval wurde Hochkommissar für das Saarland. Das Saarland war nun ein autonomer Staat. Eine Reihe von Wirtschaftskonventionen regelte insbesondere zwischen 1950 und
1953 das Verhältnis zu Frankreich.
Zweite Saarabstimmung und "Tag X"
Ab 1950 begann jedoch die "Saarfrage" die westeuropäische und atlantische Integration zu stören, da
sie eine deutsch-französische Einigung behinderte.
Der französische Außenminister Schuman schlug
1952 die Europäisierung der Saar vor. Am 23. Oktober 1954 einigte man sich in einem Vertrag
zwischen Frankreich und der Bundesrepublik: Die
Saar sollte im Rahmen der Westeuropäischen
Union bis zum Abschluß eines Friedensvertrages
einen europäischen Status erhalten. In einer Volksabstimmung sollte die Bevölkerung zu diesem
"Saarstatut" Stellung nehmen.
Seit 1950 bereits machten aber die illegal arbeitenden sogenannten "Heimatbund"-Parteien Demokratische Partei Saar (DPS), Christlich-Demokratische Union (CDU) und Deutsche Sozialdemokratische Partei (DSP) Front gegen die enge wirtschaftliche Bindung des Saarlandes an Frankreich. Diese
Parteien sagten "Nein" zum Saarstatut und standen
im Widerstreit mit den "Ja"-Sagern in Christlicher
Volkspartei (CVP) und Sozialdemokratischer Partei Saar (SPS). Bei der von der WEU überwachten
Abstimmung am 23. Oktober 1955 entschieden
sich 67,7% der Saarländerinnen und Saarländer
gegen das Saarstatut. Die Regierung Hoffmann trat
zurück. Bei den Landtagswahlen am 29. Oktober
1955 erhielten die "Heimatbund"-Parteien die
Mehrheit, Heinrich Welsch übernahm mit einem
ausschließlich aus Parteilosen bestehenden Kabinett die Amtsgeschäfte. 1956 folgte ihm Dr. Hubert
Ney (CDU) im Amt des Ministerpräsidenten nach;
1957 wurde Egon Reinert (CDU) zum Ministerpräsidenten gewählt.
Der deutsch-französische Vertrag von 1954 enthielt keine Regelungen für den Fall einer Ablehnung des Saarstatuts. Die demokratischen Parteien
des Saarlandes drängten nun auf die politische und
wirtschaftliche Eingliederung in die Bundesrepublik. Frankreich akzeptierte dies als politische
Konsequenz der Abstimmung, versuchte aber,
wirtschaftliche Garantien und Kompensationen zu
erreichen. Im Frühjahr 1956 begannen Verhandlungen, die mit dem Luxemburger Vertrag vom 27.
Oktober 1956 abgeschlossen wurden: Frankreich
stimmte der Rückgliederung des Saarlandes zum 1.
Januar 1957 zu, doch die Wirtschafts- und Währungsunion sollte noch bis Ende 1959 bestehen
bleiben. Am 14. Dezember 1956 erklärte der
Landtag den förmlichen Beitritt zum Geltungsbereich des Grundgesetzes, ab dem 1. Januar 1957
wurde das Saarland ein Land der Bundesrepublik
Deutschland. Am "Tag X", dem 6. Juli 1959,
erfolgte der wirtschaftliche Anschluß, die "Kleine
Wiedervereinigung" war perfekt.
Nach der "Kleinen Wiedervereinigung"
Ministerpräsident des Saarlandes war zur Zeit der
Rückgliederung (seit April 1959) Dr. Franz-Josef
Röder (CDU), der dieses Amt bis zu seinem Tod
1979 innehatte. Ihm folgte Werner Zeyer (CDU),
der 1985, nachdem es der SPD erstmals im Saar-
land gelungen war, die absolute Mehrheit zu ge-
winnen, von Oskar Lafontaine (SPD) abgelöst
wurde.
Der allgemeine Niedergang der Montanindustrie
hatte auch im Saarland Folgen. Die Einleitung eines
Strukturwandels wurde notwendig. Der Haushalt
war durch Leitinvestitionen und durch die
finanzielle Unterstützung der notleidenden
Montanindustrie angespannt. Bei den Solidarpaktverhandlungen
mit Bund und Ländern gelang es
1993, die Teilentschuldung des Landeshaushaltes
durchzusetzen. Strikte Sparpolitik stützt diesen
Konsolidierungskurs. Die Politik des saarländischen
Strukturwandels konzentriert sich heute - auf
der Basis eines konsolidierten Montankernes - auf
Standortmodernisierung, Forschungsausbau, Ökologische
Erneuerung und die Förderung der
wirtschaftlichen Zusammenarbeit im Rahmen der
Großregion Saar-Lor-Lux.